Bildaufbau und Bildwirkung – Teil 1 – Goldener Schnitt

Goldener Schnitt Proportionsverhältnis

Der Goldene Schnitt ist das klassische Proportionenverhältnis schlechthin. Eine Teilstrecke A verhält sich zur Teilstrecke B wie die Gesamtstrecke A+B zu A.

Das klingt komplizierter als es ist. In der Regel wendet man bereits aus eigener Intuition den Goldenen Schnitt oder die Drittel-Regel, die ähnlich proportioniert ist, an. Ein detailliert geplanter, ausgemessener Goldener Schnitt ist in der Praxis nicht immer nötig. Die Harmonie des Bildschnittes und der Proportion zum Goldenen Schnitt “rastet” mit probieren oft instinktiv ein. Je näher das gefühlte Proportionsverhältnis dem rechnerischen Goldenen Schnitt kommt, umso wirksamer ist dieses im Bild.

Goldener Schnitt in der Landschaftsfotografie
Goldener Schnitt in der Landschaftsfotografie

Zweifach Goldener Schnitt: nämlich die Seiten links und rechts des Kirchturms, sowie die Horizontlinie Himmel zu Wiese.

Goldener Schnitt im Portrait
Proportionsverhältnis Goldener Schnitt im Portrait

Zweifach Goldener Schnitt auch hier, Schnittpunkt im Auge, möglicher Fokus für einen anderen Bildausschnitt wäre auch die Perle des Ohrrings gewesen.

Weitere Beispiele des Goldenen Schnitts bei Portraits und Landschaften:

Goldener Schnitt Proportionsverhältnis
Goldener Schnitt Proportionsverhältnis

Übrigens: Wenn eine Person deutlich aus der Bildmitte positioniert ist, sollte man deren Blickrichtung zur Bildmitte richten – es gibt auch seltene Ausnahmen.

Goldener Schnitt Naturfotografie
Goldener Schnitt Naturfotografie
Goldener Schnitt Proportionsverhältnis
Goldener Schnitt Naturfotografie

Obwohl das Hauptmotiv – der große Baum – nicht exakt im Goldenen Schnitt liegt, ist trotzdem ein harmonisches Proportionsverhältnis spürbar.

Harmonische Analogien in der Natur

Bildaufbau und Bildwirkung
Fibonacci-Folge

Bei Bildaufbau in Malerei und Fotografie gelten gleiche feste Regeln, die ihre Wirkung nie verfehlen werden, weil sie schlichtweg den harmonischen Gesetzen der natürlichen Formen und der Wahrnehmung entsprechen. Bei genauerer Betrachtung wird man feststellen, daß natürliche Formen und deren Segmente stets in harmonischen Verhältnissen zu einander stehen. In unmittelbarem Zusammenhang zum Goldenen Schnitt steht die Fibonacci-Folge oder Fibonacci-Regel 1, 1, 2, 3, 5, 8, 13 … Für die beiden ersten Zahlen wird jeweils der Wert 1 vorgegeben, jede weitere Zahl ist dann die Summe ihrer beiden Vorgänger. Ein Ammonit oder Schneckengehäuse zum Beispiel ist stets nach der Fibonacci-Folge gegliedert, ebenfalls der Blüten- oder Blätterstand von Pflanzen, Verhältnisse von Arm- Handkochen und Fingerlängen beim Menschen. Die menschlichen Proportionsverhältnisse sind zahlreich im Goldenen Schnitt-Verhältnis, allerdings gibt es auch immer leichte Abweichungen.

Harmonik der Verhältnisse im Bild

Diese Harmonik der Verhältnisse ist nicht nur auf die optische Wahrnehmung begrenzt, sondern findet zumindest auch im musikalischen Erleben, genauer gesagt in den Intervallproportionen seine Entsprechung und zählt damit zu den harmonikalen Grundlagen. Man findet man ein Bild als unharmonisch oder unruhig, wenn wesentliche Bildelemente nicht wenigstens ungefähr den harmonischen Verhältnissen entsprechen, erst recht eine unharmonische Tonfolge.

In der bildenden Kunst hat man seit der menschlichen Vorgeschichte von der Wirkung dieser grundlegenden Maßverhältnisse gewußt oder sie instinktiv angewendet. Auf ihr bauen zahlreiche Meisterwerke auf – Leonardo Da Vincis Arbeiten müssen hier selbstverständlich genannt werden, weil Da Vinci Gemälde wie die Mona Lisa vielfach harmonikal komponiert hat.

Wie erhält man ein harmonisches Bildverhältnis nun in der Fotografie?

Durch bewußte Gewichtung der Bildelemente und deren Proportionen entstehen Beziehungen und Zusammenhänge – Dynamik, Trennung oder Langweile, Ruhe oder Spannung. Diese Proportionsverhältnisse müssen bereits zum Zeitpunkt der Aufnahme erkannt und ggf. beeinflusst werden.

Durch die richtige Standortwahl

Die Standortwahl ist daher beim Fotografieren für die Positionierung und Betonung von Bildelementen das Mittel erster Wahl. Schauen Sie sich Ihr Motiv in Ruhe an, bewegen Sie sich vor ihm und probieren Sie verschiedene Standorte; gehen Sie in die Hocke oder erhöhen Sie Ihren Betrachtungspunkt. Schnell werden Sie feststellen, wie das Motiv mit unterschiedlichen Bildwirkungen zu Ihnen “spricht”. Begreifen Sie alle Bildelemente, als ausgewählte Konstellation von Symbolen, die zueinander und zum Betrachter sprechen. Ein wichtiges Hilfsmittel kann die Einblendung einer Mattscheibe im Sucher der Kamera sein. Bei analogen Kameras waren diese ursprünglich auswechselbar, Digitalkameras können Gitter nach der 1/3-Regel oder nach dem Goldene Schnitt ganz einfach elektronisch einblenden. Sehen Sie im Handbuch Ihrer Kamera nach – dieses ist ein sehr wirkungsvolles Stilmittel für harmonische Bildverhältnisse.

Schnittpunkte finden

Bewegen Sie also die Kamera – oder/und sich selbst mit der Kamera, bis sich bildwichtige Elemente mit einem der 4 Kreuzungspunkte (man nennt sie auch Idealpunkte) des Goldenen Schnittes überlappen. Bei Naturfotografien können das z.B. einzelne Blüten sein, einzelne Bäume oder Bergkuppen, bei Portraits ist es oft ein Auge, oder wenn die Person weiter weg ist, der Kopf.

Durch bewußtes Setzen der Horizontline

Sobald der Horizont im Bildausschnitt zu sehen ist, besitzt er maßgebliche Bildbedeutung. Er betont das Verhältnis eines Betrachters zum Bild, mehr als dies ohne ihn der Fall wäre und relativiert den Betrachtungspunkt auf einen nachvollziehbaren Standpunkt. Außerdem teilt der Horizont in mindestens zwei Hauptelemente: Himmel und Erde. Eine zu regelmäßig mittige Horizontlinie wirkt oft monoton. Definiert man im Bildausschnitt in einer Zwei-Drittel-Regel den Horizont zu Gunsten Himmel oder Erde, wird das Gesamtmotiv leichter oder schwerer. Bei einen tief liegendem Horizont führt der Blick in die Weite des Himmels.

Natürlich ist es als betontes Stilmittel möglich, den Horizont zu kippen. Allerdings muß das zum Hauptmotiv passen und sollte, wenn überhaupt, deutlich erfolgen. Ein nur leicht gekippter Horizont wirkt sehr schnell störend. Bei Gewässern sind schiefe Horizontlinien ganz besonders unpassend.

Das menschliche Auge will übrigens immer einen Horizont ausmachen, auch bei Indoor-Aufnahmen. Dann gelten horizontale Geraden als Horizontmarker und Vertikale Linien als ihr 90-Grad-Pendant.

Für die Mehrzahl von betont ruhenden Motiven sollte der Horizont etwa in der unteren Drittellinie sein. Für den Himmel stehen dann die oberen zwei Drittel, die nicht zwangsläufig eine mehrheitliche Bildbedeutung erhalten müssen, zur Verfügung. Bei Motiven mit interessantem Vordergrund und weniger interessantem Himmel, kann die Horizontlinie im oberen Bild-Drittel sein.

Durch optisches Hinzufügen oder Wegnehmen von Bildelementen

Um eine harmonische Bildwirkung zu erzielen, ist es manchmal nötig störende Bildelemente zu eliminieren. In der klassischen Fotografie geschieht dies vornehmlich durch Standortwahl und gewählter großer Blende. Die Unschärfe löst störende Strukturen in ihrer Umgebung auf.

Unschärfe durch offene Blende

Ein einfaches Beispiel von vielen: eine große oder offene Blende verursacht Freistellung von Hauptmotiven. Der Hintergrund verschwimmt und gestattet die Positionierung gemäß dem Goldenen Schnitt sehr viel einfacher.

Hinzufügen von Bildelementen

Andererseits kann auch sein, daß ein dominierendes Bildelement einen entspannenden Gegenpol benötigt. Überlegen Sie sich, wie Sie Bildelemente durch bloße Standortwahl hinzufügen können. Ein Schritt seitlich, vor oder zurück, ein erhöhter Standpunkt oder ein tiefer Kamerastandpunkt kann Wunder bewirken – ebenso eine andere Brennweite.

Gewichtung der Bildelemente

Bei der digitalen Bildbearbeitung ist die bewußte, nachträgliche Positionierung von Bildelementen gemäß des Goldenen Schnittes natürlich sehr leicht.